Habe seit langer Zeit mal wieder ein Buch als Pflichtlektüre lesen müssen:
Daniel Kehlmann – Die Vermessung der Welt
Ein Buch über Menschen die es auf die gute alte DM geschafft haben, in jedes Mathematik-Buch, einem Golfstrom seinen Namen gegeben haben oder einfach einer physikalischen Einheit ihren Namen liehen.
Ich rede von Alexander von Humboldt & Carl Friedrich Gauß
Über dieses “wundervolle” Buch wollte ich nun für Deutsch eine Rezension schreiben, da das Buch so angepriesen und vergöttert wird.
Ehrlich gesagt: Ich fand es ernüchternd.
Die Rezension ist hier zu finden, ich bitte jedoch jeden Leser eine ernste Stellungsnahme zu hinterlassen und mir ein Feedback zu geben was evtl. überzogen ist oder was noch verändert werden sollte.
Nächste Woche Montag ist Abgabetermin
Deutsch Langzeitaufgabe XY, den 04. Dezember 2007
Die Vermessenheit der Kritiker
Oder: Die Vermessung der Welt.
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts machen sich zwei junge Deutsche an die Vermessung der Welt. Der eine, Alexander von Humboldt, kämpft sich durch Urwald und Steppe, befährt den Orinoko, kostet Gifte, zählt Kopfläuse, kriecht in Erdlöcher, besteigt Vulkane und begegnet Seeungeheuern und Menschenfressern. Der andere, der Mathematiker und Astronom Carl Friedrich Gauß, der sein Leben nicht ohne Frauen verbringen kann und doch in der Hochzeitsnacht aus dem Bett springt, um eine Formel zu notieren – er beweist auch im heimischen Göttingen, dass der Raum sich krümmt. Alt, berühmt und ein wenig sonderbar geworden, treffen sich die beiden 1828 in Berlin[...] (Klappentext)
304 Seiten, 21 Zentimeter hoch, 13 Zentimeter breit, 2,5 Zentimeter tief und rotgefärbtes, 20 Zentimeter langes Leseband.
Die 42. Auflage im Juli 2007, über 1.000.000 verkaufte Exemplare.
Was uns diese Daten vermitteln sollen?
Das es sich um ein Buch handelt, welches durch historische wie fiktive Zahlen, Daten und Fakten zusammengewürfelt wurde und trotzdem nichts weiter ist als ein Buch.
Daniel Kehlmann wurde 1975 in München geboren. Er lebt in Wien, studierte dort Philosophie und Literaturwissenschaft und arbeitet zur Zeit an seiner Promotion. Preise die er bekam waren unter anderen 1998 der Förderpreis des Kulturkreises der Deutschen Wirtschaft, 2000 ein Stipendium des Literarischen Kolloquiums in Berlin, 2001 Gastdozentur für Poetik an der Universität in Mainz. 2006 erhielt Daniel Kehlmann den Heinrich-von-Kleist-Preis und den Heimito von Doderer-Literaturpreis.
Wieder nur Zahlen und Fakten….
Doch was sagen diese Zahlen über sein neustes, bekanntestes und meistgelesenes Buch aus?
Der etwas klamaukhafte Humor des Romans, in dem die Lebensgeschichte der beiden deutschen Wissenschaftler Gauß und von Humboldt eingebettet werden ist nicht jedermanns Sache. Die Idee eines ironischen Romans über zwei deutsche Geistesgrößen ist zwar zunächst ganz ansprechend, man gibt aber bald auf über die brachialen, zu unglaubwürdig und auf Pointe getrimmten Handlungsstränge vom ersten Augenblick an weiter zu verfolgen.
Sie ziehen sich durch das gesamte Buch und beweisen nur in den seltensten Fällen wahre Größe.
Das ist keine Ironie, sondern bestenfalls Slapstick.
Da wird bereits auf den ersten Seiten geschlagen und zertrümmert, werden Leute diffamiert und Lieblingsbücher anderer aus einer fahrenden Kutsche geworfen.
Humor mit dem Holzhammer.
Auch das Deutsch des Autoren ist mehr als flickfähig und das erweckt besonders die Zeile
“Während die alten Pferde ab- und neue angeschirrt wurden“, erfährt man auf Seite 9, “aßen sie Kartoffelsuppe in einer Gastwirtschaft“.
Ich habe grundsätzlich nichts gegen Pferde, die in Gastwirtschaften Kartoffelsuppe essen.
Aber gegen schlecht konstruierte Sätze weiß ich einiges einzuwenden.
Ob nun die permanente indirekte Rede den Lesefluss erhöht oder lediglich die Begeisterungsstürme einiger Kritiker entfachte, die so etwas lange nicht mehr in Vollendung gelesen haben, sei dahingestellt.
Sie passt zum Erzählduktus, ist aber gewöhnungsbedürftig.
Zuweilen wirkt sie seltsam gerafft; grammatisch korrekt, jedoch dahingehuscht:
“Er zuckte zurück, als Humboldt ihn an die Schulter fasste und rief, welche Ehre es sei, was für ein großer Moment für Deutschland, die Wissenschaft, ihn selbst.”
Selbst ohne den Subjektwechsel in der Satzmitte klingt der Satz nach Rohfassung.
Als Lektor wäre ich eingeschritten.
Es bleibt die Frage, warum dieses Buch zum meistverkauften Roman 2006 hat werden können. Ist es derselbe Grund, aus dem derzeit auf allen Fernsehsendern Comedy-Formate aus dem Boden gestampft werden? Vielleicht sind wir desensibilisiert für feine Pointen und Zwischentöne. Vielleicht brauchen wir Brachialhumor und halten alles für Grammatik, was irgendwie den Weg in ein Buch findet, betrachtet man zum Vergleich die Zeilen . Ich bleibe skeptisch. Aber irgendwie scheint Kehlmann damit einen Nerv getroffen zu haben.
Gönnen wir ihm den Erfolg.
Doch da steh ich nun, etwas ratlos nach dieser so wunderbar angepriesenen Lektüre.
Habe ich doch ohne Unterbrechung Daniel Kehlmanns vermessenes Buch gelesen und kann mich nur schwer entscheiden:
Ist das nun Literatur oder moderne Aufarbeitung kulturgeschichtlicher Größen, wie Gauß und Humboldt es bis heute sind?
Woran mag das liegen?
Vielleicht an der Tatsache, dass ich zu schnell gelesen habe.
Wie Alexander von Humboldt von Berg zu Berg eilt, um ihn zu vermessen, so springen die Augen von Zeile zu Zeile, begierig zu erfahren, wie dieser es schafft, in der Wildnis unter Kannibalen oder im Dschungel des Amazonas zu überleben.
Und dies am Anfang des neunzehnten Jahrhunderts.
Man könnte auch fragen, welchen Trick Kehlmann anwendet, um die spröde Welt der Mathematik eines Carl Friedrich Gauß dem Leser so zu präsentieren, dass er gefangen ist und mehr als einmal staunt, des öfteren sich wundert, meistens aber schmunzelt und sich selbst ein Zungenschnalzen nicht verkneifen kann.
Und dann hab ich’s plötzlich.
Dieser Stil erinnert mich doch fern an einen anderen, dessen Buch Wallenstein ich genauso gefesselt las.
Daniel Kehlmann bringt uns Geschichte nahe, auf eine Art und Weise, die ihm den Groll der Geschichtsforscher sichert, und auf der anderen Seite eine breite und begeisterte Leserschaft anspricht.
Das scheinbar respektlose Aufbrechen der geschichtlichen Immunität fällt mir als Stilmittel auf bei beiden Autoren.
Wie Mann, so lässt auch Kehlmann uns alles von ganz nahe betrachten. Wir sehen Humboldt schwitzen, von Läusen und Flöhen geplagt, von preußischer Disziplin angetrieben, die skurrile Blüten treibt, wenn Humboldt auch in der größten Hitze des Urwaldes seine Uniform nicht ablegt und scheinbar Forschung als Selbstzweck sieht.
Häufig kamen Frauen zu Besuch: Humboldt zählte die Läuse in ihren geflochtenen Haaren. … Er (Bonpland) fragte, wozu eine Statistik über Läuse gut sei. Man wolle wissen, sagte Humboldt, weil man wissen wolle.
Und ohne dass Kehlmann auch nur ein Wort darüber verliert, ahnen wir etwas von dem zerrissenen Innenleben des Alexander von Humboldt, das sich gegen Ende des Buches in einem einzigen kurzen Satz offenbaren wird. Dann nämlich, wenn sein Bruder, der Staatsmann und Geisteswissenschaftler, sich fragend an ihn wendet.
Der Ältere lehnte sich zurück und sah ihn lange an.
Immer noch die Knaben?
Das hast du gewusst?
Immer.
Wir sehen auch Gauß, sich mehr als einmal die laufende Nase wischen, sich schnäuzen und im Bordell verschwinden zu seiner Nina, die er am liebsten geheiratet hätte. Wir erleben also jene, die wir aus Geschichts- und Mathematikunterricht als große Männer ihrer Zeit kennen, als Menschen mit Nöten und Schrullen, Leiden und Freuden.
Als ich am Ende der Lektüre das Buch benommen, aber auch entfremdet zuklappe, beschäftigt mich die Frage weiter, was diese Geschichte so lesenswert gemacht hat?
Die allzu menschelnde Perspektive allein kann es nicht sein, würdigen wir doch heute die Verdienste dieser Männer, auch ohne ihre Schwächen zu kennen.
Dann fällt mir auf, dass ich während der Lektüre immer wieder Vergleiche angestellt habe zur gegenwärtigen Welt.
Gauß und Humboldt haben den Grundstein für ihr Lebenswerk im Jugendalter gelegt.
Sie haben dafür viele Entbehrungen in Kauf genommen und waren sich ihrer Verantwortung sehr früh bewusst.
Kann es sein, dass Daniel Kehlmann gerade dies gelungen ist? Uns einen Spiegel vorzuhalten, ohne den Zeigefinger erheben zu müssen?
Ich glaube ja.
Doch hat er auch wirklich ein Meisterwerk der deutschen Literatur geschaffen, wie er immer wieder gelobt und angepriesen wird?
Ist es nicht einwenig vermessen, einen Autor anzuhimmeln, nur weil es ihm gelingt uns unsere eigene Vermessenheit begreifen zu lassen?
Einer sagt was zu “Die Vermessenheit der Kritiker”



Dezember 14th, 2007 at 20:16
Ich glaube die Rezension ist dir sehr gut gelungen.
Lediglich sollte man feste Position beziehen um so den Leser auch wirklich zu zeigen:
“Das war Gut.” oder “Das war Schlecht.”
Ansonsten:
Weiter so!